Marketingtricks und Marmeladenpreise
Oder: Von Menschen, Markt und Moral
1. Dezember 2007
Neu Niemandsland, Eigenbericht
Drei Tage nach Hurrikan Tarantella offenbart sich das ganze Ausmaß der schweren Katastrophe. Den zahlreichen Journalisten und den wenigen freiwilligen Hilfskräften bietet sich ein Bild des Grauens: Ganze Landstriche sind verwüstet, Häuser eingestürzt, mehrere Marmeladenförderplattformen völlig zerstört. Während Experten immer noch mit der Schätzung des Gesamtschadens beschäftigt sind, fühlt die Bevölkerung der betroffenen Gebiete sich im Stich gelassen. Aus Entsetzen und Trauer ist hier blanke Wut geworden.
Immer wieder sind Schüsse zu hören. Von völlig verzweifelten Menschen auf die Hubschrauber abgegeben, die Hilfsmarmelade in die Notstandsgebiete fliegen sollen. Doch mit Hilfsmarmelade kann sich hier niemand abfinden. Die in den Katastrophengebieten verbliebene Menschen beginnen Restmarmelade aus teils noch intakten Supermarktgebäuden zu stehlen – in verlassenen Wohnhäusern sind Kühlschrankplünderungen an der Tagesordnung.
Nur mit größter Beherrschung schafft es ein Augenzeuge, dem wir mit unserer Kamera begegnen, seine kaum fassbaren Erlebnisse zu schildern: „Erst gestern habe ich einen gesehen, der sein Frühstücksbrötchen aus lauter Verzweiflung mit Käse belegt hat. Die Hilfsmarmelade schmeckt schrecklich! Kein Mensch kann sich vorstellen, was wir hier durchmachen.“
Ungeachtet solcher Tragödien kaum abschätzbaren Ausmaßes werden weltweit immer noch etwa 7 Gramm Marmelade pro Brötchen verschmiert. Die bereits vor Jahren zur Marktreife gebrachten 5-Gramm-Brötchen stießen in der Bevölkerung kaum auf akzeptable Akzeptanz.
Und kaum dass Tarantella das Land wieder verlassen hat, läutet einer der größten Marmeladenförderer der Region eine neue Preisrunde ein: Kostete 1 Liter Marmelade der Sorte Erdbeere gestern durchschnittlich noch 1,37 Euro, so muss für dieselbe Marmeladenmenge heute bereits 1,45 Euro berappt werden. – Clevere Marktpolitik oder doch eher blanker Zynismus?
Ein Konzernsprecher der Marmeladenindustrie nimmt dazu öffentlich Stellung: „Die weltweit knapper werdenden Rohmarmeladenvorräte und die gleichzeitig erhöhte Nachfrage zwingen uns, die Preise anzuheben, um den Gesamtmarmeladenausstoß zu begrenzen.“
Doch als wir die Kamera ausgeschaltet haben, spricht er schließlich aus, was er eigentlich wohl nicht einmal denken darf: „Die Leute wollen es doch nicht anders. Die wollen klotzen und nicht kleckern. Es werden doch nur Brötchen mit flächendeckendem Marmeladenaufstrich verlangt! Mit kleinen Schmierungen gibt sich niemand zufrieden. Kann man ja auch verstehen. Stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen beim Frühstück mit so einem Sparbrötchen auf der Terrasse und ihr Nachbar, der hat ein fettes 10-Gramm-Brötchen auf dem Tisch stehen. Wie würden Sie sich da fühlen? – Naja, und wenn die Leute unbedingt 10-Gramm-Brötchen wollen, dann wären die Herren in den oberen Etagen doch auch schön blöd, wenn sie nicht… Die Leute bezahlen es doch. Wer schränkt sich denn ein? Die meisten sind doch auf unsere Marmelade angewiesen."
Zwar ließen sich heutzutage längst Brötchen produzieren, die mit weniger als 5 Gramm Marmelade oder sogar mit Wurst schmecken würden, fügt er hinzu. Aber das, so bittet er uns, solle besser unter uns bleiben.
Bisher im Blog:
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